Sonntag, 1. Februar 2015
Humaldawei: Im Fernsehen gibt es weder eine Himmelsdecke noch ...
Humaldawei: Im Fernsehen gibt es weder eine Himmelsdecke noch ...: Fryslân im Januar 2015 Der schiefergraue Himmel liegt wie eine weiche Decke über Feldern und Weiden. Über den Schafen...
Im Fernsehen gibt es weder eine Himmelsdecke noch Gottesaugen ...
Fryslân im Januar 2015
Der
schiefergraue Himmel liegt wie eine weiche Decke über Feldern und Weiden. Über
den Schafen mit ihrem zotteligen und schmutzigen Fell. Den Gänsen und
schneeweißen Schwänen. Über den Grachten und Kanälen mit ihrer hauchdünnen
Eisschicht. An den Rohrdommeln glitzern Kristalle. Fette Wintermöwen streifen
die graue Decke. Sie kommen von der See, schweben über dem Hafen, in dem sich
nichts bewegt. Keine Touristen, keine Pommes, keine Fischreste von den
Trawlern. Die Restaurants geschlossen. Wenig Fisch gibt es zu kaufen. In den
Räuchereien qualmen keine Öfen. Auch die kleinen Kutter liegen im Hafen:
Garnelen, ein paar Schollen und Schaars, Hering, kaum frisch geräucherter Aal. Reiher
und Kraniche schweben über die Bäche, stellen sich bewegungslos in Position.
In der
blaugrauen Decke reißen Löcher auf, hellgelb beleuchtet. Gottesaugen. Dann wird
die Luft sanft und weiß. Nebelwolken verhüllen Schiffe und Häuser, legen sich
übers Wasser und die Felder. Still wird es. Kein Mensch ist auf den Feldern,
nur die zotteligen Schafe, Enten, Gänse. Alle, die dageblieben und nicht in den
Süden geflogen sind.


Leise
verdämmert der Tag, Möwenschwärme überm Haus; sanftes Pfeifen ist zu hören: Ein
Sturm zieht über dem Meer auf. In der Nacht fegt er brüllend über die Felder,
schüttelt an Bäumen und Türen, für eine Sekunde wird es still, bis Graupel aufs
Dach schlägt. Auftakt und Trommelwirbel, dann Eisregen. Straßen und Dächer
glänzen. Aus dem Regen wird Schnee. Große Flocken. Am Morgen ist alles in einem
weißen Pelz eingehüllt. Keine scharfen Konturen mehr, keine Autos, die schnell
fahren. Keine Enten, die auffliegen, nur Spuren der hüpfenden Amseln, Nachbars
Katze, erste Schritte.
Im
Fernsehen gibt es weder eine Himmelsdecke noch Gottesaugen; im Fernsehen ist
abgebildet Krieg, Krawall, Mord, Totschlag, Pegida, Legida, Mügida, vernichtete
afrikanische Dörfer. Eine nigerianische Millionenstadt wird angegriffen.
Gräueltaten jeder unvorstellbaren Art, Lügen, Machenschaften von Politik und
Kapital, Kriegswünsche, Kriegsvorbereitungen. Krieg ist wieder vorstellbar.
Krieg kann wieder geschehen. Mobilmachung. Die Wörter sind da. Gesagt,
geschrieben, diskutiert in den Fernsehrunden. Da wird vom Krieg geschwätzt wie
sonst von Botox und Obdachlosigkeit. Alles eins. Hier, nicht mehr nur anderswo.
Ich gewöhne mich wieder daran und weiß, es gilt immer noch der Satz: Jede
Generation erlebt einen Krieg. In das Ende des 2. Weltkrieges wurde ich
hineingeboren. In eine zerstörte Familie, geflüchtet, emigriert, versteckt,
tot. Im Garten war noch Sterlingsilber vergraben. Die Welt war zerfallen.
Die Werte
einer zivilen Gesellschaft sind behauptet seit Napoleon, seit 1848, aber dieser
Schatz war damals nicht gewollt. Von der faschistischen Gesellschaft. Anders
ist es heute nicht: Die Werte müssen behauptet werden. Kultur kann nicht
relativiert werden. Der Islam gehört nicht zu Deutschland, aber alle Bürger
gleich welchen Glaubens, die Kippa ist dann so komisch wie das Kopftuch und
katholische und protestantische Bräuche. Oder wie Atheisten, die nichts glauben
und feiern, das ist mir komisch. Jeder Bürger, gleich welchen Glaubens,
verdient Achtung und Schutz aller, solange er sich im Rahmen unseres
Rechtssystems und unserer Staatsform bewegt. Für diese Gesellschaft, für diese
Werte müssen wir einstehen. Dazu müssen wir unsere Kultur weder relativieren
noch konservieren. Oder wollen wir in einer antidemokratischen Gesellschaft
leben, wenngleich wirtschaftlich erfolgreich? Dieses Modell wird in der Türkei,
in Russland, in China und in immer mehr Staaten gelebt. Werte müssen wir uns
als Ziel setzen, das dürfen wir, weil wir diskutieren, Konflikte demokratisch
austragen können.
Der späte Kapitalismus mit seinem
Wohlstand ist nicht anständig, ist schwerfällig, verführt und lässt zu viele
Menschen links liegen. Auch in Deutschland. Und noch ist der Besitz von Kapital
nicht an Verantwortung gebunden, werden nur teilweise Manager und Kapitalisten
zur Verantwortung gezogen, noch immer ist Bankenretten die erste Reaktion der
Politik.
Im
Fernsehen wird im Januar 2015 viel Erinnerungskultur (Wörter gibt es)
betrieben: siebzig Jahre Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. So viele
Worte, auch klare und politisch gute und gut Gemeintes, und obwohl jeden Abend
der Diktator Hitler zu sehen und zu hören ist, wissen immer weniger jüngere
Menschen um die Zusammenhänge und das Leid und die unmenschlichen Schandtaten
der Industrie, nahezu aller Betriebe und auch jeder Bauernhof hatte seinen
Zwangsarbeiter. Wurden sie angemessen entschädigt? Bis heute nicht. Nun sterben
sie, ohne dass sie bekommen, was ihnen zusteht. Und nicht der Staat muss
bezahlen, sondern die Nachfolger der Betriebe wie Siemens, die in Ravensbrück
sich der Häftlinge bedienten. Nicht nur dort.


Was sagt die alte Frau Abraham,
die vorsichtig ihre Füße in den Schnee setzt, die zwei Lager überlebte: „Jede
Lawine fängt mit einem Schneeball an. Es war nicht Hitler, es waren die
Nachbarn. Sie wollten alle teilhaben an einem großen Raubzug, an etwas ganz
Großem.“ Nichts anderes wollen die jungen Leute, die aus europäischen Ländern
in den Krieg ziehen, im Namen des Islam. Ihre Entscheidung, ihre Verantwortung.
In Deutschland gelten andere Gesetze und Werte.
© Text und Fotos: J. Monika Walther
Sonntag, 9. November 2014
J. Monika Walther: Nächstes Jahr in Jerusalem, und ein federloser Sommer
Nächstes Jahr in Jerusalem – der Satz, wenn er in der
Verwandtschaft bei Besuchen und Festen ausgesprochen wurde, war immer in jeder
Hinsicht ein vergeblicher Wunsch: In Erinnerung an eine vergangene Welt, an eine
Familie, die es nicht mehr gab und als Ausdruck von ratloser Sehnsucht, denn
niemand war je in Jerusalem gewesen, gefeiert wurde in Leipzig, in Berlin und
Hamburg, die Erinnerungen galten Schlesien, Galizien, Preußen, Deutschland und
Reisen in westliche Länder, aber nicht einem fremden Flecken irgendwo am Rand
von Europa, in der Wüste. Jenseits vom eigenen Leben und Überleben, denn
emigriert wurde nach England, Kanada, in die USA und die Niederlande, nach Burma
und Frankreich, in die Schweiz. Preußen. Deutsche. Berliner. Leipziger. Die
beiden Hamburger Onkels bauten Schiffe für andere, sie selbst wollten nicht weg
aus Deutschland. Niemand wollte weg. Schon gar nicht nach Osten. Lieber nach
Rotterdam oder Great Britain, in die neue Welt. Mit der Sehnsucht im Herzen nach
dem Leben der Großeltern und Urgroßeltern, aber alle wussten: Diese Zeiten waren
vorbei: Es ging anderswo auf der Welt weiter.
Foto: ©Horst-Dieter Radke
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Foto: ©Horst-Dieter Radke
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Nächstes Jahr in Jerusalem. Das ist alles nicht mehr wahr
und alles vorbei, das war im letzten Jahrhundert. Aber immer wenn ich im Herbst
in Fryslân bin und am Himmel die vielen Dreiecke der fliegenden Enten,
Weißwangengänse, der Kraniche und Schwäne sehe, wie sie hin und her ziehen, sich
eine Wiese suchen, dann wieder aufbrechen, sich nicht entscheiden, das
Naturschutzgebiet rund um das Lauwersmeer zu verlassen, noch einen Tag warten,
denke ich an diesen Satz: nächstes Jahr in Jerusalem. Ich weiß nicht, warum.
Aber es ist so. Nicht wegen des Bleibens oder Wegfliegen. Und wenn: in welche
Richtung und wie weit? Nein, wenn sie da oben schnattern und rufen, wenn sich
mehrere große Dreiecke, die miteinander geflogen sind, trennen, denke ich jedes
Mal: Was rufen sie sich jetzt zu? Nächstes Jahr wieder hier in der Heimat oder
nächstes Jahr ganz woanders? Jerusalem auf keinen Fall. Das Programm ist in den
Köpfen der Enten nicht enthalten, bei den Älteren noch Tunesien und Marokko,
aber heute kann auch schon Südfrankreich zum Überwintern ausreichen. Je weniger
weit, um so schneller sind sie wieder da.
Manche der jungen jüdischen Deutschen haben es geschafft,
in Deutschland als ihrer Heimat zu leben und doch jedes Jahr nach Jerusalem zu
fahren, auf einen Besuch. Zur Vergewisserung. Ich fahre nach Amsterdam, in die
Niederlande, nach Fryslan. Meine Vergewisserung. Meine Erinnerung in die
Zukunft. Die erste Anlaufstation derer, die emigrierten: Hamburg oder irgendein
niederländischer Hafen. Weiter weiter. Und wahr ist auch, dass im
niederländischen Friesland kleine jüdische Kinder aus Nazideutschland
überlebten, Haare gefärbt, pst, und dann liefen statt vier fünf Kinder auf den
Höfen herum.
© J. Monika Walther
![]() | |||
| Foto: ©Monika Detering |
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Federloser
Sommer
Im Frühjahr Soldaten auf der Kuhwiese
Kinder aufgespießt in Kakteen
Fensterbänke voller Milch die Scheiben blind
Mäusedreck auf Brötchen und Fremde im Bett
Kein Hund will so leben er soll aushalten
Beim Mähen Abgründen ausweichen
In Zimmern ohne Türen ist er gefangen
Wer sind diese Kinder wer die Frauen
Schmutz auf Tischen und Feuer über den Feldern
Nie ist er Zuhause überall fremd
Im Sommer geht er Tag und Nacht
Treppen hinauf und quer über die Wege
Guten Tag sagt er und zieht seine Mütze
Wer sind diese Leute? Gehen wir nach Hause?
Ich muss ins Holz nach Kanada
Sommer ist. Er friert redet Tag und Nacht
Guten Tag sagt er fein sucht die Mütze
Er sucht Geld seine Frau die Kinder das Haus
Er geht in die Werkstatt nagelt Bretter schief
Schreiner ein guter Mann esst und trinkt
Sommer. Welcher Tag welches Jahr wo sind wir
Jetzt gehen wir nach Hause. Hier wohne ich
nicht.
Missglücklich schaut er über die Kuhwiesen
wohin
muss ich aufstehen muss mich anziehen viel zu
spät
Wo gehe ich hin wo bleibe ich. Ich Ihr -
Draußen im Himmel im Holz schlag ich
im Schattenland zieh ich meine Mütze
guten Tag hier lebe ich mein Kaffee
mein Stuhl und Tisch. Eigene Dielen
unter Füssen und Seele. Guten Tag
(für Alfons Uhlending, der die besten Spiegeleier briet
und einen wunderbaren Holzturm an unser Haus von 1898 baute, einen Turm, den das
Amt für Denkmalschutz als vorbildlich lobte)
© J. Monika Walther
Montag, 14. Juli 2014
Heidi, die Schweiz, die Niederlande, der Filmproduzent und eine irrwitzige Geschichte
Heidi in den
Niederlanden und an den Dokkumer Nije Silen
Wer in
Engwierum auf der alten Brücke steht, 1729 gebaut, die die Lauwerszee von der
Dokkumergrootdiep trennt, schaut in zwei Landschaften: atmet im Sommer den
herben Duft der Wiesen und den Wind vom Wattenmeer. Mit Fisch in der Luft.
Durch zwei der drei Schleusenkammern wurden die Schiffe gehoben, durch eine
Wasser aus dem Hinterland in die See gespült. 1969 trennte eine große Schleuse
die Lauwerszee von der Nordsee. Die Waddenzee gehört inzwischen zum
Weltkulturerbe. Neben der alten Brücke, die in den letzten Jahren wieder
hergerichtet wurde, gibt es eine neue Schleuse. Wer will, kann vom Nordmeer
über die Lauwerszee an Engwierum, Ie und
Eastrum vorbei nach Dokkum segeln oder tuckern. Vorbei an Anglern und einer
alten Ziegelei.
Heute sieht
es an der alten Schleuse noch fast immer so aus wie früher: Die kleinen Werften
arbeiten wieder; das Gebäude der Hafenmeisterei steht noch; aus der Seilerei
ist ein Kunstcafé geworden; aber früher war da ein anderes Leben, das der
Einheimischen und nicht jenes der vorbeifahrenden Touristen. Da wurden noch die
Kähne in den Dörfern mit Torf und Getreide beladen und fuhren mit der Ernte der
Bauern tagelang bis nach Leeuwarden. Wieder kamen die Fährleute mit Waren aus
der Stadt und auch mit dem kostbaren Genever. Oude Genever und jonge. Heute
gibt es Genever Cocktails. Aber heute hat in den meisten Dörfern auch der
allerletzte Laden geschlossen, keine Kneipen mehr, keine Bankfiliale, ein
Briefkasten alle zwei Dörfer. Dafür gibt es an der Lauwerszee eine Kunststadt
und vier Strände, einen Campingplatz, Imbissbuden im Sommer – und ein großes,
sehr schönes Naturschutzgebiet.
Die Bücher
der Johanna Spyri werden ab August mit Bruno Ganz als Alpöhi neu verfilmt.
Heidi ist die berühmteste Schweizerin und hat es im Gegensatz zu vielen
Schweizern schon als Mädchen aus der Eidgenossenschaft herausgeschafft. Bis
nach Frankfurt. Das ist bekannt, weniger bekannt ist, dass die erwachsene Heidi
auch die Niederlande besucht hat. Sie war sogar in Fryslân. Aber das weiß außer
mir fast niemand. Nur noch eine Schweizer Autorin – S. Ciarloni, die in Fryslân
über die Farben der Schweiz diskutierte.
Lange Zeiten war es ja eine Sache
des Mutes und Glücks aus der Schweiz herauszukommen. Mit den Schiffen hat es
nicht geklappt und früher waren Fußreisen für die meisten die einzige
Möglichkeit um sich fortzubewegen. Dabei war die Hauptgefahr das schlechte
Wetter, also das man den Weg, der aus der Schweiz herausführen könnte, nicht mehr
erkannte und sich dann zwischen den Felsen und Schiefern verloren fühlte.
Helfen konnte da nur das laute Singen aller Lieder, die man kannte, um wach zu bleiben
und so doch noch die Chance zu wahren aus der Schweiz herauszukommen, ohne sich
dem Gefühl der Einsamkeit zwischen all den Bergen hinzugeben und jede Idee von
einem Leben anderswo sein zu lassen.
Es war Heidi, die als eine
Pionierin des Fußmarsches und Alpentourismus, es wagte, die heimischen Berge zu
verlassen, hinab zu gehen in die Täler, wieder hinauf zu steigen und endlich
bei Schaffhausen und dem Wasserfall die Lücke zu entdecken, die ihr zeigte, wo
es nach Norden ging, dem Rhein entlang, dem Rhein folgend, vorbei an den
Schwarzwälderkirschtorten und dem Straßburger Münster, vorbei an Sauerkraut,
Blut- und Leberwürsten, vorbei - diesmal
auch an Frankfurt, vorbei.
Heidi schritt aus, bis sie in dem
Königreich der Niederlanden ankam. Und sie blieb nicht in den südlichen
Provinzen, sie schaffte es bis nach Amsterdam und ließ sich dort nicht vom
ungewohnten Duft der Coffee Shops verführen: Heidi folgte dem Klang der Glocken
der Seefahrerkirche, dicht am Hafen. Da stand sie mit ihrem offenen Mund, den
sie auch in all ihren Filmen trug und sie wusste, es würde noch viele, sehr
viele Filme geben über ihren Fußmarsch hinaus aus der Schweiz bis in das
Rotlichtviertel von Amsterdam. Heidi – die Schweizerin mit dem offenen
staunenden Mund: Heidi strahlte.
Es dauerte nicht lange, da blieb
ein Filmproduzent stehen und schaute an Heidi hoch. Man muss wissen, dass Heidi
sehr groß gewachsen war, fast zwei Meter. Der Produzent bot ihr eine Rolle in
seinem neuen Streifen „Der Untergang der Titanic vom Ägerisee“ an. Der
Produzent wusste nicht, dass Heidi die berühmte Heidi war und Heidi sagte ihm
nichts von ihrer Filmkarriere als Mädchen. Aber sie fand, dass sie perfekt in
einen Film mit Schiffen, Untergang und Innerschweiz passte. Auch wenn sie nun in Amsterdam Fuß fassen wollte. Arbeit finden
und neue Bekanntschaften. Ein neues außerschweizerisches Leben, vielleicht
sogar ein Nicht-schweizerisches, obwohl sie davon keine Vorstellung hatte, wie
ein Leben ohne Schweiz sein könnte.
Heidi hatte sich bei der
Begegnung mit dem Filmproduzenten in aller Hast eine Art Künstlernamen zugetan.
Sie nannte sich Helene, abgeleitet von der Belle Helene, dem Dessert, das man
in der Schweiz sogar nach einer gemütlichen Rösti noch serviert: Staldenschoggicreme
und halbe, eingemachte Birnen. Sie dachte, dass der Name gut zu ihrer Figur
passte. Schokoladenbraunes Haar und eine Figur wie, ja, wie die Frucht. Die
Beine waren lang und sehr schlank, aber das Becken. Ja, das Becken machte aus
ihr die Belle Helene.
Der Produzent hatte das gesehen.
Genau das. Er fuhr mit Heidi zu den Dreharbeiten. Die Abschnitte, die auf dem
See spielten wurden zuerst gedreht. Nicht in Ägeri, nein, sie drehten sie
nördlich von Amsterdam im Ijsselmeer
und auf der Zuidersee, der an Fryslân grenzt. So kam Heidi auch in dieser
nördlichen Provinz herum. Und an einem drehfreien Nachmittag fuhr Heidi alias
Helene mit dem Auto des Produzenten sogar bis zur Lauwerszee. Auch dort blieb
sie inkognito und gab sich nicht als jene Schweizer Heidi zu erkennen, weshalb
sie auch kaum sprach, nur einmal als sie im Hafen von Zoutkamp sich Pommes
Frites und gebackene Scholle bestellte
Die ersten drei Tage der
Dreharbeiten waren sehr anstrengend, denn Heidi fühlte sich nicht wohl auf dem
kleinen Schiff, das mehr schaukelte als geradeaus fuhr. Da nicht viel Geld zur
Verfügung stand, hatte sich der Produzent und Regisseur entschieden ein kleines
Ausflugsboot zu mieten und gedreht wurde bei stürmischer See. Der Eigner war
ein Fischer, der umgesattelt hatte und sonst mit seiner Silverwind Touristen
herumfuhr. Der Fischer hatte eine Frau, die sonst immer mit dabei war und die
Touristen an Bord bewirtete. Aber jetzt durfte sie nicht mit auf die
Silverwind.
Das Problem war, dass des
Fischers Frau dieser Belle Helene nicht über den Weg traute. Sie fing laut an
zu zetern, als sie Heidi sah. Sie lief am Ufer auf und ab und störte die
Kameraleute, die Vorbereitungen der Requisiteure. Sie störte aus vollem Herzen.
Da nützte auch das Schreien des Regisseurs mit seiner Tüte nicht.
Der Fischer fand das alles sehr lustig und amüsierte
sich köstlich auf seiner Kleinausgabe der Titanic. Er genoss den Wirbel und
hatte das Geld gerne genommen. Er genoss auch das Zusammensein mit Heidi alias
Belle Helene und als er am dritten Drehtag in einer Pause mit Helene allein auf
dem Ausflugsschiff war, überkam ihn die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Er
löste die Leinen, ließ den Motor an und nahm volle Fahrt auf Richtung Richtung
Zuidersee und Nordsee. Quer über das Ijsselmeer. Mit anderen Worten der Fischer
war im Begriff die Belle Helene, also Heidi, in ein nichtschweizerisches Leben
zu entführen. Nun war es an Heid eine Entscheidung zu treffen, wollte sie mit
diesem ihr fremden Mann, in dessen Sprache sie nur das Hoj und die röchelnden
Bruchlaute CH verstand, ein neues Leben beginnen? Wollte sie in einem Land
leben, in dem die Linie des Himmels tiefer lag als die Wiesen und das Land
unter dem Meeresspiegel? Und vor allem: Wo es keine Alpen gab und nicht eine
einzige Alphütte; und auch keine duftenden Schokoladenbrocken.
Heidi überwältigte den Fischer
mit einem Kuss, drängte ihn an die Reling und warf ihn über Bord. Dann wendete sie
das Boot und lenkte es zurück in den Hafen von Amsterdam, in die Gracht vor der
Central Station und bestieg einen Zug zum Flughafen. Sie flog zurück in ihre
Schweiz und war glücklich, als sie die ersten Bergketten unter sich sah.
So ist das also mit mir, dachte
Heidi alias Belle Helene: Ich kann durch halb Europa laufen und verliere nicht
den Mut, ich kann Zug fahren und fliegen, aber die Berge verlassen, das will
ich nicht. Ich werde niemals ein Schiff besteigen und in Halifax an Land gehen.
Das werde ich nicht tun. Und ich werde mit keinem gehen, der nicht die Farben
der Schweiz lernt. So kehrte Heidi klüger und mit mehr Fragen denn je in ihrem
Herzen zurück aus den Niederlanden.
Und der Film?
Wurde dann nicht gedreht. Weil
der Kanton Zug kein Geld für so Seich hatte und es die in den Niederlanden
nicht einsahen, was ein Boot namens Titanic auf dem Ägerisee mit ihrer
glorreichen Vergangenheit als Seefahrer zu tun hatte. Man fragte sich unter
Königen, Prinzessinnen wie auch unter Fernsehmachern gleichermaßen, ob da einer
die Niederlande fälschlicherweise als Eroberer der Schweiz darstellen wolle.
Wer sollte denn heutzutage so etwas unterstützen? Wo war die politische
Korrektheit zu finden? Da verlumpte der Produzent. Ihm und dem Fischer blieben einzig der Traum. La Belle Helene. Sie
aber blieb verschwunden. Weil sie ja Heidi war. Und nach ihrem niederländischen
Abenteuer war sie beschäftigt mit der geplanten Neuverfilmung. Sie musste eine
neue kleine Heidi finden.
© J. Monika Walther
Mail jmonikawalther@aol.com
Mobil 0173 6767767
Neustraße 28
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48249 Dülmen-Hiddingsel
Dienstag, 18. Februar 2014
Humaldawei: ... mit flatternden Haaren am See und Fluss zu st...
Humaldawei: ... mit flatternden Haaren am See und Fluss zu st...: 2014-02-13 Im Februar in Fryslân. Im Humaldawei. Draußen Regen und Sturm. Drinnen: Aufräumen. Und noch einma...
... mit flatternden Haaren am See und Fluss zu stehen ...
2014-02-13
Im Februar in
Fryslân. Im Humaldawei. Draußen Regen und
Sturm. Drinnen: Aufräumen.
Und noch einmal
die Idee:
Emily Dickinson hätte der Droste geschrieben, vom neuenglischen Amherst ins
Rüschhaus zu Münster oder
nach Meersburg am Bodensee
- aber es gab damals noch kein Internet, keine Mails. Kein
Twittern, Bloggen
und Skypen. Wer weiß, vielleicht hätten die beiden des Morgens mit einer SMS
einander bestärkt, keine
Widerworte zu geben, still zu schreiben und ihre langen Gedankenstriche zu
ziehen
für alles, was sie
den gesellschaftlichen Verhältnissen widerstehend dachten und des Nachts ihre
wilden
Gedanken geteilt und
wie satt sie es hatten, um gemocht zu werden, Beachtung zu erhaschen, immer
wieder die braven Mädchen
zu geben. Nicht zu lieben und mit flatternden Haaren am See und Fluss zu
stehen, stattdessen leise
in ihren Räumen zu leben. Ohne kratzenden Lärm zu schreiben.
Wie
wäre das heute? Ohne Mails, ohne Handy, ohne Facebook, ohne die ständige
Teilnahme am Leben vieler und das Wissen darum, was im fernsten Russland,
Grönland, Sizilien geschieht? Wenn Briefe Monate, Woche brauchten, um uns zu
erreichen und während wir dann lesen, dass die Überfahrt nach Amerika gelang,
ist der Schreiber längst in neue Gefahren verwickelt und die Liebste mit sonst
wem verheiratet. Widerspruch sinnlos. Vielleicht steht er oder sie Jahre später
wieder in seinem mecklenburgischen oder Hunsrücker Dorf, ohne ein Fernsehteam
hinter den Büschen und staunt über die Veränderungen und auch darüber, wer auf
die Rückkehr gehofft hatte und wer nicht.
Wie wäre das, wenn eine Reise von
Leipzig nach Hamburg wie nach dem Krieg mit dem Zug zwei bis drei Tage dauerte.
Eine Fahrt vom Bodensee nach Münster war mit vier Tagen damals im Vergleich zu
den Postkutschenfahrten der Droste zwischen Rüschhaus und dem Fürstenhäuschen
in Meersburg schnell. Anstrengend war es nur nach dem Krieg ohne die
entsprechenden Stempel für die Aus- und Einreisen in und aus den jeweiligen
Besatzungszonen nicht kontrolliert zu werden, weder in den Zügen noch auf den
Bahnhöfen.
Dies könnte Emily Dickinson der
Droste schreiben:
Wie
die Hölle will.
Jetzt und immer.
Ein ländlicher Leichenschmaus.
Mit Scheu und Staunen
streiche ich über mein Laken
gerade die Matratze
- das Kopfkissen klein und rund.
Tapferkeit muss ich ablegen -
lieg ich bis zum Gerichtstag
zum gelben Sonnenlärm verwahrt.
Sitz ich und schreibe – bündle -
vernähe meine Gedichte.
Da lacht der Wind früh und mittags -
Mein Scharfsinn scheitert in Amherst.
Am Dach aus Stein am Baum aus Moos
lautlos an reifgrauen Echos und
marmornen Stapeln aus Zeit
an den versiegelten Polaren.
Da lacht der Wind am Himmel und
fromm vergeht das Jahr und ich – und ich
geh hin und her und im Kreis und in mir -
steif wenn Blicke durch die Ritzen suchen
Zart wenn andere mich erfinden.
Aber – mein Nest ist leer und ich -
entflogen. Mir -
Jetzt und immer.
Ein ländlicher Leichenschmaus.
Mit Scheu und Staunen
streiche ich über mein Laken
gerade die Matratze
- das Kopfkissen klein und rund.
Tapferkeit muss ich ablegen -
lieg ich bis zum Gerichtstag
zum gelben Sonnenlärm verwahrt.
Sitz ich und schreibe – bündle -
vernähe meine Gedichte.
Da lacht der Wind früh und mittags -
Mein Scharfsinn scheitert in Amherst.
Am Dach aus Stein am Baum aus Moos
lautlos an reifgrauen Echos und
marmornen Stapeln aus Zeit
an den versiegelten Polaren.
Da lacht der Wind am Himmel und
fromm vergeht das Jahr und ich – und ich
geh hin und her und im Kreis und in mir -
steif wenn Blicke durch die Ritzen suchen
Zart wenn andere mich erfinden.
Aber – mein Nest ist leer und ich -
entflogen. Mir -
Februar in Fryslân. Im Humaldawei.
Die Schafe zeigen ihre roten, grünen und gelben Punkte, die ihnen auf die dicke
Wolle gemalt wurden. Die Farben bestimmen ihren weiteren Lebensverlauf. Aber
kein Schaf schaut sich oder den anderen dauernd auf den Arsch, nein, die Mäuler
sind im nassen Gras oder sie liegen im Sturm, geschickt verteilt, in den
Bodenwellen oder auf den geschützten Deichseiten. Die Kanäle, Bäche und
Grachten sind vollgelaufen; auf den Feldern und Äckern stehen Wasserlachen.
Enten fliegen Linien im schiefergrauen Himmel. Sie müssen nicht mehr weg. Es
war richtig zu bleiben. Sie werden die besten Brutplätze finden. Die
Weißwangengänse sitzen zu Hunderten in großen Kreisen auf den Wiesen, fliegen
auf, suchen einen neuen Platz. Sehr große Schwärme, sehr viele. Gänse. Enten.
Kraniche und Fischreiher stehen an den Bachrändern für sich. Die Schwanenpaare
haben eigene Pläne.
Nach dem Sturm wird der Himmel weit und leuchtet in Blau und einem warmen
gelben Licht. Die Wolken sind weit weg geflogen. Ich stehe an der alten
Schleuse bei den Dokkumer Nieuwe Zijlen und bin eine Sekunde glücklich.
© J. Monika
Walther
www.jmonikawalther.eu
Samstag, 11. Januar 2014
Die Dorfkirche schlug zwölf Mal
31. Dezember 2013
Jahresende 2013. - Jahresanfang 2014.
Im hell scheinenden Licht von Fryslân. Sonnenstrahlen
leuchten zwischen den Wolken, zwischen den Schwärmen der Gänse und Enten. Sie
fliegen hin und her in langen Linien. Sie verschieben ihre Reise nach Mallorca.
Sie bleiben da. Sie knatschen. Sie sind still und bleiben an den Grachten
hocken, als das Karbidschießen im Dorf beginnt. Ab acht Uhr, vorher schon überall
in der Nacht. Im Fernsehen sah ich einen Film über die niederländische Flotte
zu Zeiten des Marquis James Graham von Montrose, zeitweise Generalstatthalter
der Niederlande, Sohn des Heinrich Friedrich v. Oranien und über Wilhelm II von
Oranien, der als Herrscher der Niederlande und dann König von England später
dann alles in Ordnung brachte: Zuvor tobten die Seeschlachten vor New York, vor
der Niederländischen Küste, im Nordmeer. Spanier, Franzosen, Engländer und
Niederländer: meins, meins, meins. Nein, meins. Die Spanier blieben irgendwann
schließlich zu Land und zu Wasser in Spanien, die Franzosen hörten auf zu
versuchen zu Lande in Spanien einzufallen, auch um Cassel gab es keine
Schlachten mehr. New York übergaben die Niederländer den Engländern und bekamen
dafür Surinam. Wilhelm von Oranien heiratete klug nach Great Britain und bedung
sich aus, nach dem Tod seiner Frau, einer Marie, in England regieren zu dürfen.
So wurde alles gut. Beim Karbidschießen aber zieht noch einmal Pulverdampf über
die Dörfer und es klingt wie bei einer mächtigen Seeschlacht vor New York.
Im Fernsehen sah ich auch Frau Merkel, zwei Fahnen,
Blumenschmuck und die Kanzlerin in gedecktem Goldjackett. Sie sagte, es kommt
auf jeden Einzelnen an. Sie sprach ohne Rautezeichen. Die niederländische
Königin Beatrix betonte vor Jahren in einer ihrer Ansprachen, dass die Overheid
nicht alles regeln kann, dass jeder Einzelne sich um seine Nachbarn kümmern,
die Augen offenhalten, Verantwortung übernehmen muss. Klang alles sehr streng
und protestantisch reformiert. Die Ermahnung der Königin erreichte mich; die
Kanzlerin gab sich Mühe, aber ich hörte die Subtexte dieser Regierung: Wer
betrügt, der fliegt. Flüchtlinge sind unerwünscht, Einwanderer auch, selbst
wenn die Industriebosse sagen: Wir brauchen Einwanderer. Immer möchten die
Bewohner dieses großen Landes mitten in Europa lieber unter sich bleiben und
immer möchten diese Deutschen anderen beibringen, wie das Leben geht: Wir
erleben den Versuch einer Germanisierung über das Geld. Der letzte Krieg hat es
nicht gebracht, warum nicht über Ökonomie anderen die Tugenden beibringen. Frau
Merkel hat zum Schluss noch gelächelt und mit einem Auge gezwinkert – ich habe
es gesehen. Verehrte Angie, ich bleibe trotz Zwinkern mit einem Bein in den
Niederlanden, das ist mir bei meiner Familiengeschichte sicherer.
Kurz vor Mitternacht trat am Brandenburger Tor ein
deutscher Untoter auf im schwarzen Mantel, mit Sonnenbrille und bleichen
Haaren, junge Mädchen wippten mit Fähnchen zu einem Text wie: Der Knabe war so
süß. Berlin 2014. Deutschland. Europa. Heino. Warum hat dann nicht lieber Herr
Kohl dort auf der Bühne im Rollstuhl gestanden und gesungen: Kein schöner Land
zu dieser Zeit? Oder alle zusammen: Der Mond ist aufgegangen.
Die Dorfkirche schlug zwölf Mal, im dünnen protestantischen
Glockengeläut, der Himmel färbte sich in allen Regenbogenfarben. Die
Seeschlacht zu Ee wurde im Karbonitschießen beendet. 2014. Die Ersten liefen
über die Straße. Spät in der Nacht knatschten wieder die Gänse und Enten. Und
da Sturm aufkam, flogen Möwen übers Haus.
Und am 1. Januar gab es
diesen Text: Was wäre wenn die Droste und Emily Dickinson sich gekannt hätten?
Die Dichterinnen der Gedankenstriche, die weder lebten, wie sie wollten, noch
alles sagen konnten – also Gedankenstriche:
Emily schreibt der Droste (erfunden):
Ich sag dir, was ich gezahlt. Hundert Jahre.
Ich sag dir, was ich bekomme. Ich lalle und kichere.
Ich sag dir, was ich gezahlt. Eine Existenz.
Ich sag dir, was ich bekomme. Haut abgezogen, Schlitze reingeschnitten und einen Himmelsblick.
Ich sag dir, was ich tue: Ich schaue von innen durch die Löcher in meiner Menschenhaut und reise jeden Tag quer über die Pole.
Ich sag dir, draußen vergeht das Leben und wir sitzen herinnen, gehen im Kreis und lassen uns den Atem rauben.
Ich sag dir, was ich bekomme. Ich lalle und kichere.
Ich sag dir, was ich gezahlt. Eine Existenz.
Ich sag dir, was ich bekomme. Haut abgezogen, Schlitze reingeschnitten und einen Himmelsblick.
Ich sag dir, was ich tue: Ich schaue von innen durch die Löcher in meiner Menschenhaut und reise jeden Tag quer über die Pole.
Ich sag dir, draußen vergeht das Leben und wir sitzen herinnen, gehen im Kreis und lassen uns den Atem rauben.
Die Droste wird ihr antworten. Im Konjunktiv. Mit
Gedankenstrichen.
©
J. Monika Walther
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