Freitag, 21. Dezember 2012

SCHNEE TREIBT AM HUMALDAWEI



Wenn Bäume warten
auf Wartende
die Sonne
kälter wird
Schnee treibt am Humaldawei


Wenn
Spiegelnarretei
dich fragen lässt
ist's Wasser
fängt weiße Stille
dich
und
dich
vielleicht ist auch Weihnachten

Dienstag, 6. November 2012

Koolgänse, Aale und das Glück

Koolgänse und Aale


Im Hamburger Hafen sah ich als Kind den ersten lebenden Aal. Tote Krabben, rosafarben und einen sich windenden Aal. Der Fischer nahm den Aal, drehte sich um, ein Ruck und dann bekam ich Krabben und Aal in Zeitungspapier gewickelt, ausgehändigt. Mein Onkel lächelte ernst, sagte: „Wir haben ein Glück.“ – Ja, das hatte er, der nach dem Krieg, aufgetaucht aus einem Lager, eine Buchhalterstelle bei der Reederei Stinnes gefunden hatte, später Chefprokurist wurde, mit Chauffeur und einem großen Büro, von dem aus ich auf die Elbe schauen konnte und über den dicken Teppich ging ich als Kind hin und her, staunend. Und die Tante hatte auch Glück, die im Bunker beim NWDR putzte, auf dem Heiliggeistfeld. Und ich hatte auch Glück, dass ich überhaupt geboren wurde, und dass es überall in der Welt Verwandte gab, nur kaum noch welche in Leipzig und Ostberlin. Aber in Boulogne-sur-Mer. Ein geflüchteter Onkel, er schneidet Haare, in einer kleinen Stube am Hafen. Und er bekommt jeden Tag Muscheln oder ein paar Fische. Er kommt auch nach dem Krieg über die Runden. Und ich lerne bei ihm Muscheln essen, Fische ausnehmen. Ohne großes Getue.






 Glück hatte auch eine aus Nazideutschland geflüchtete Cousine, die  in Verstecken überlebte, einen Niederländer heiratete, nie wieder Deutsch sprach. Jaap, der Fröhliche und Freundliche, der mit mir, dem Kind, durch Haarlem und Amsterdam ging und deutsch radebrechte.  Ende der Fünfziger Jahre. Und mir zeigte, was gefillter Fisch ist und wie die chinesische und indonesische Küche schmeckt.
Glück hatte auch ich,  dass es in all der Fremde und Traurigkeit immer wieder einen Onkel, eine Tante gab, einen entfernten Verwandten, die sich kümmerten und mir Leben zeigten, dem kleinen Mädchen erzählten, wie das Leben der Familie war -  vor 1933 und vor 1939, vor den Fluchten, in Leipzig, Hamburg und anderswo. Glück fühlte ich, als ich mit dreiundzwanzig das erste Mal an der Lauwerzee stand, dem damals viel größeren See und dem damals viel kleineren Hafen, in dem Fischer mit kleinen Kähnen anlegten, ihren Fang vom Boot aus verkauften oder in kleinen Läden ablieferten, danach gingen sie in kleinen Dörfern und Bauernschaften in die vielen kleinen Kneipen und tranken, so viel der Zapfhahn hergab. Ich fühlte Glück unter diesem schiefergrauen Himmel zu stehen, am Strand angeschwemmtes Holz zu sammeln für den Ofen, ein winziges halbes Häuschen zu haben, neben dem Bauernpaar Piet und Ans, einen frischen Aal geschenkt zu bekommen und Schollen. Ich fühlte Glück unter dem zugigen Dach zu schlafen (das war nicht verkleidet, da pfiff der Wind durch) und den ersten wackeligen Schreibtisch zu bauen, da zu sitzen und zu schreiben.






Damals wusste ich wenig über die Geschichte und das Nordmeer. Wie anderswo auch hatte es zwischen 1500 und 1700 immer wieder große Überflutungen des Lauwerszeegebiet gegeben: 1509, 1542, 1650 und 1665. Die Weihnachtsflut des Jahres 1717 war für den Norden der Niederlande katastrophal. Viele Schleusen waren nach der Flut völlig zerstört. Danach wurden über die Jahrhunderte immer mehr Küstengebiete eingedeicht und so wurde die Lauwerzee kleiner und kleiner. Im Herbst 2003 stand der Beschluss, den Nationalpark Lauwerzee einzurichten. Der Versuch ein Gleichgewicht zwischen Meer, Natur, dem Hafenbetrieb und dem Tourismus und Militär herzustellen. Erst verschwanden viele Pflanzen, Fischarten und die Schalentiere als das Land nicht mehr Flut und Ebbe erlebte, 





dann wuchsen neue Blumen wie Orchideen, das Sumpf-Herzblatt. Das Gebiet wurde Heimat für Graugänse, Krickenten, Pfeifenten und Weißwangengänse; Zugvögel und Wintergäste kommen an der Lauwerzee zur Ruhe. Hunderte von Löffelenten und Brandgäsen suchen Nahrung im Winter. Reiher schweben über die Felder, Strandläufer aller Art, Weihen, Kiebitze, hunderte Arten von Wattvögeln sind zu beobachten. Ja, und Flamingos sind im Sommer zu sehen. Sommergäste. Ich habe sie gesehen und – wie Kormorane Aale fangen. Koolgänse heißen sie auf Niederländisch.  Ein kleines Paradies ist aus dem Gebiet Lauwerzee geworden. Und ich fühle immer wieder Glück, wenn ich über das graue Wasser schaue, Sternmöwen und andere nach Nahrung suchen, flattern und schweben, hüpfen und ins Wasser stoßen. Manchmal denke ich zurück an Hamburg und wenn Regine und ich auf den Michel rannten und da oben standen und strahlten.

© Jay Monika Walther

 

Freitag, 21. September 2012

Café Fryslân und dreitausendvierhundert vor Christus

bis zum Horizont und hinter ihm geht er weiter bis zun nächsten




Das Café Fryslân steht in Oostrum. Eastrum (auf friesisch) gehört genauso wie Ee zur Gemeinde Dongeradeel. 200 Menschen leben dort. Alles, was ich seit dreißig Jahren wusste, war - dass Oostrum auf dem Weg nach Dokkum liegt, dass das halbe Dorf, die Wiesen und der kleine Anger im Ort im Winter unter Wasser stehen, dass auf der einen Seite vor dem Dorf eine alte Ziegelei zerfällt und auf der anderen Seite ein Bowlingcenter immer größer wird, dass ich früher, vor dreißig Jahren, den Schafscherern zuschaute, den Arbeitern in der Zieglei, sah wie das Bowlingcenter entstand, wie die ersten Touristen mit Boot oder Auto von der Zuider See herkamen und im damals kleinen Hafen an der Laauwerzee die Fischkutter bestaunten, deren Fischer einen Plastiksack oder einen Korb voll Schollen packten und für diese zwanzig Schollen, Flundern oder Knurrhähne sechs Gulden nahmen oder auch weniger.




Oostrum, das war auch immer die Kneipe, das Fryslân Café. Und früher saßen da Fischer und Landarbeiter, Bauern, selten Touristen und wenn dann die aus dem Ruhrgebiet, die sich eines der kaputten kleinen Huisjes gekauft hatten für wenig Gulden und sommerlang reparierten, bis sie endlich wussten, dass diese Landschaft nicht die Ihre war. Getrunken wurden Boerenjongen, also Rosinen und Zucker aufgegossen mit Genever. Und immer jonge oder oude Genever. Bier. Es wurde viel getrunken, sehr viel mehr als heute. Die wechselnden Wirtspaare stellten Käsewürfel und Matjeshappen mit Gurke hin, es gab Bitterballen zu bestellen und Tostis. Die Hoffnungen der Wirtspaare auf Verdienst erfüllten sich selten. Erst als eine fröhliche ältere Frau mit einer kratzigen Stimme und einem herrlichen Lachen das Kneipenhaus kaufte, renovierte, einen großen neuen Tresen und Ofen hineinsetzen ließ, Dart und Spielautomaten hinstellte, war der Wirtswanderung ein Ende.

einwerfen, klickern, rattern, drehen, ein Bier und - gewinnen 

Gerne war ich dort, auch wenn nach und nach sich das Meiste änderte. Heute bewirtschaftet ein freundliches junges Paar das Café Fryslân, der Mann in Arbeit, die Frau in der Kneipe. Dartclub und Kartenspieler kommen. Und ich gewann in diesen Ferien vierzig Euro am Spielautomaten (niederländische Spielautomaten müssen mehr Gewinne auswerfen als in der BRD und sie sind moralische Anstalten, die alle zehn Minuten das Spiel stoppen und  anzeigen, wie lange man spielt, wie viel Geld eingeworfen, verloren wurde).

 



Inzwischen weiß ich nun mehr über Oostrum: dass es als Warft einige Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung zwischen den damaligen Meeresarmen entstand. Die zum Teil um 1900 abgetragene Terpeoder Warft ragte viereinhalb Meter hoch über dem Meeresspiegel. Der Wohnhügel hat eine Kreisform mit Ringstraße. Auf dem südöstlichen Teil der alten Terpe stand Rinthjemastate, ein alter Herrensitz. Ich weiß nun auch, dass die alte Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert stammt und ursprünglich nach dem Heiligen Nikolaus benannt wurde. Die Ziegelei am Grootdiep errichtete 1873 ein Jan Helder, der Schornstein misst 35 Meter. Und im 19. Jahrhundert wanderten mehr als zehn Oostrumer, junge Männer und Dienstmägde, nach Übersee aus. Und ich weiß, weil ich die Grabungen mitbekommen hatte, dass 2006 Überreste der Trichterbecherkultur gefunden wurden; die archäologischen Untersuchen ergaben, dass die Reste dieser Siedlung aus der Zeit von dreitausendvierhundert vor Christus stammen müssen. So früh war also dieses Oostrum bewohnt, damals nah am Meer, zwischen Wasserarmen. An den Grachten zwischen Nordmeer und Zuiderzee. Ich dachte, es ist schön von der Geschichte und den Geschichten im Kleinen zu erfahren, zu hören. Jenseits der vielen Kriege. Aber die Kriege waren eben auch in den Dörfern, Religionskriege, Landkriege, spanische Soldaten und nahe bei Ee blieb ein napoleonischer Soldat in Tibma und baute einen Hof auf und schon bin ich wieder in den Jahrhunderten verschwunden, denn die Bauerschaft Die Tibben ist aus dem achten Jahrhundert. Und was ich nun auch weiß, ist, dass Humaldawei 1885 gebaut wurde und zu den nationalen Denkmälern von Ee gehört. So viel Geschichte im Kleinen und Großen überall.

© J. Monika Walther

Samstag, 8. September 2012

Golden River








lecker. Ausnehmend lecker. Und jetzt kann ich mir das nur anschauen ...




Golden River – Chinees Specialiteiten Restaurant in der Kerkstraat. Kollum. Ein Dorf weiter, hinter Waarftermolen und Kollumerpomp, jenseits der Dokkumer Nieuwe Zijlen, jenseits der großen Schleusenbrücke und dem Kanal. Golden River – ein kleines feines Restaurant, schon vor 30 Jahren, in einem der ersten „Neubauten“ in Kollum. An einem der Enden der kleinen Hauptstraße und hinter der wehrhaften kleinen Backsteinkirche. Im Kreis darum herum, im Kreisel entstand dann nach und nach das neue Kollum, mit Supermärkten, Aldi, Häusern, einem Colleg. Einem Erdgasfeld, der letzte Bauernhof steht heute am Ortseingang, quer zur Tankstelle und ist verkauft, hat einen Bootsanleger.

Golden River – ein junges Ehepaar aus China, er kochte, sie bediente und das tat sie – freundlich beraten, anregen, erklären, mit Stäbchen essen beibringen. Eine Botschafterin der Küche, des Chinesischen, aber nicht der Diktatur. Sie erklärte mir, wie Garnelen zu essen sind und dass auch in den Köpfen der Garnelen noch Fleisch ist, dass ich die nicht beiseite legen soll, sondern alles essen, was in der Garnele ist. Die Zangen aufbrechen, auslutschen, da war sie beharrlich. Freundlich. Und wenn wir von allem zu viel bestellt hatten, damals gab es noch die großen Schüsseln mit Nudelsuppe, die weichen Teigtaschen, die kleinen Dims als Vorspeisen, dann verpackte sie alles, ohne Fragen.
Heute stehen ihre Kinder im Restaurant und lächeln und sind ein wenig ungeschickter, aber freundlich und die Gerichte sind immer noch wie vom Vater gekocht.
Aus Humaldawei gibt es noch mehr und viel zu berichten: die Nachbarn werden weggehen, zurück in die Nähe von Leeuwarden. Was wird werden? Der Makler bietet die „freistehende“ Haushälfte an, ein Vermögen. 150 000 Euro. Aber so ist es geworden, Jeder Quadratmeter ist ein Vermögen in den Niederlanden wert, selbst in Fryslân. Und nicht wenige Häuser stehen nun zum Verkauf im Humaldawei.
© Jay M. Walther

Montag, 20. August 2012

sechstausend Gulden und die Knechtswohnung




Dieses Jahr Ferien in Humaldawei. Wie lange ist das her? Zwei, drei Wochen im Haus, in Fryslân.  Sehr lange ist das her. Damals, als ich nach der Diplomprüfung endlich mein Stipendium für das Prüfungssemester ausbezahlt bekam, brauchte ich das Geld dafür nicht mehr und von klein auf hatte ich mir eine Wiese gewünscht, eine eigene und darauf würde ich einen Eisenbahnwaggon stellen, und dann hätte ich ein Zuhause. So dachte und träumte ich, mit Blick auf den Säntis und nach der Flucht aus der DDR und nachdem alle Verwandten irgendwo in der Welt waren und die, die den Fehler gemacht hatten nach der Emigration nach Berlin und Leipzig zurück zu kehren und in der DDR zu bleiben, wurden weggesperrt. Wie oft wurde unserer Familie alles weggenommen? Erst von den Nazis, dann von den Kommunisten. Da waren kein Haus und kein Acker und nichts mehr. Aber ich würde eine Wiese kaufen.
            Ich kaufte keine Wiese, sondern für sechstausend Gulden die Knechtswohnung eines kleinen Bauernhofes im niederländischen Frysân, das war ein halbes Haus. Ein halbes ganzes Haus, nebenan Piet und Ans, in der Scheune 8 Kühe; so lebten sie, arm, keine Heizung, Petroleumöfen, der Wasserkran draußen, Kochen auf einem kleinen Gaskocher. Der Knecht war gestorben, das halbe ganze Haus war eine Ruine ohne alles. Ich kaufte es. Für die zweiten sechstausend ließ ich Wasser und Strom legen, Abflüsse graben und eine Dusche einbauen. Die nächsten Jahre verbrachte ich jedes Jahr viele Wochen im Haus, aber es dauerte noch lange, bis endlich einmal alles gerichtet wurde: der alte Ofen unter dem Kamin weg, Fliesen, die Wände verkleidet, neue Türen nach draußen, neue Fenster eingepasst. Eines war in allen Jahren Brauch, im Frühjahr strich Ans auf ihrer Seite alles und ich auf meiner, die dicke schwere Farbe, die im Dorf gemischt wurde, hielt alles zusammen.
            Die Kühe verschwanden, Piet radelte durchs Dorf und am Kanal entlang, manchmal fand er nicht mehr nach Hause. Dann starb er und Ans war froh aus dem Haus wegziehen zu können, sie holte immer noch das Wasser vom Kran. Die Hälfte wurde verkauft, das Meiste wurde anders, Zäune und Abgrenzungen gezogen, Hunde bellten, eine Spedition siedelte sich auf den Feldern hinter dem Haus an: Rotterdam Berlin Warschau und inzwischen noch weiter.
Das Dorf veränderte sich, wurde ärmer. Te koop te koop steht nun wieder an vielen Häusern. Wie damals in den Siebziger Jahren. Nein, verkaufen werde ich meine Wiese nicht, mein ganzes halbes Haus. Das Schreibhaus.
© Jay M. Walther

Sonntag, 5. August 2012

Humaldawei: Busfahrer. Bagger. Baggerschaufel ...

Humaldawei: Busfahrer. Bagger. Baggerschaufel ...:  Gang durch die Hinterhöfe ... und das letzte Glas in Dokkum ... Am Ende frage ich mich, habe ich alles geschafft, was ich...

Busfahrer. Bagger. Baggerschaufel ...


 Gang durch die Hinterhöfe ...




und das letzte Glas in Dokkum ...



Am Ende frage ich mich, habe ich alles geschafft, was ich schreiben wollte?


Ich habe die weitere Fortsetzung um den Kommissar Nathan Töer (Langeooger Liebestöter) entwickelt und nur hier am Humaldawei konnte ich auf diesen Plot und diese Geschichte kommen. Ich habe die beliebte Gerda weiter entwickelt, ach, sie einfach mal wieder reden und auf ihre Weise handeln so mörderisch lassen:

(AUSSCNITT)... Ich bin ja seit dem Krankenhaus aus dem normalen Alltag gefallen. Erschöpft saß ich in meinem roten Sessel und musste an Bernd und auch an Edwin denken. Was waren sie für Pechvögel gewesen! Aber sie hatten nun mal zu meiner unmittelbaren Umgebung gehört. Zog ich das Unglück an? Machten sich tief verborgene Gedanken bei mir selbständig? Führten sie mich – ohne dass ich es wollte? Ich habe oft recht bildhafte Gedanken. Daran ist doch nichts auszusetzen. Wie auch jetzt, nachdem mein Gedenken an die beiden unglücklich verstorbenen Männer beendet war.
„Das geht so nicht“, sagte ich laut, um merkwürdige, sehr neue Ideen weit von mir zu schieben. Ich riss sogar das Fenster auf. Sah diesen Bagger. Jetzt stand er still. Es war nach fünf, Feierabend.
Der Bus fuhr vorbei. Ich fasste nach meinem neuen blauen Brillengestell, presste es gegen den Nasensteg, um besser sehen zu können. War da der Busfahrer von eben drin?
Ich konnte es nicht genau erkennen.
Bus. Bagger.
„Nicht jetzt“, schimpfte ich mit den hoch blubbernden Gedanken. Sie wirkten wie Sektperlen. Anregend und brachten meinen Kreislauf in Schwung.
Busfahrer. Bagger. Baggerschaufel ...

Ich habe an einem Wettbewerbstext geschrieben und mich selbst sortiert,  und nach innen gehorcht ...