Samstag, 25. Mai 2013

Fryslân Meergewitter





Fryslân Meergewitter


Über dem Wasser jagen
die dunklen Wolken die Weißen
durch den Hafen zwischen die Schiffe
zu den Inseln und zurück über die Deichen
aufs Land schiefergrau die Ferne

dann zerbricht der Himmel
flammend eng
ohne Sterne
kein Horizont
schwarz ein Blitz schwarz
Keine Möwe fliegt

Eine dunkle Sekunde
hält der Himmel die Zeit an
die Wolkenschiffe stehen
Ein tiefes Grollen beginnt
Kriegslärm immer näher
Die Inseln im Meerestosen
Sturzflut auf Wasser und Land
Auf jeder Welle eine weiße Seele
Der Sturm fegt durch das Schilf
In der Ferne öffnet sich silbern
ein Trichter über dem Meer.
Eine Sekunde segeln die Schiffe
mit ihren Toten klingen die alten Lieder
dann pfeift der Wind über die Felder
das Nordmeer schimmert
Helle Risse im Himmel





Dr. J. Monika Walther
www.jmonikawalther.eu

Donnerstag, 24. Januar 2013

...dann dieser Abend

wer könnte hier gesessen und gewartet haben?





Als es dämmerte, verließ Emmi Thulin das Haus, mit einem leichten, beschwingten, mit einem aufrechten und stolzen Gang. Energie ging von ihr aus, und Kraft, all das hüllte sie wie ein wehender Mantel ein. Sie trug ein dünnes, wadenlanges Kleid, eins in der Art, wie sie heute nicht mehr modern sind. Es ließ ihre Schultern frei und Emmis Haut war hell und schimmerte, sie war nicht braun wie die vielen anderen in der Stadt, obwohl es schon lange ein warmer Sommer war und man sich am Fluss großartig bräunen konnte. Ihre moccafarbenen Riemchensandalen hatten einen kleinen Absatz, geschwungen, sie waren einmal in Mailand handgearbeitet worden. Der Leisten hatte den richtigen Schwung, um gut darauf gehen zu können. Ihre Haarfarbe war nicht sichtbar, ihr Haar war unter einem pompösen Strohhut versteckt, der Hut trug Blumen und Trauben, Blätter und obendrauf wippte beim Gehen ein knallbunter Kolibri.
Emmis Augen waren hinter dunklem Glas, Emmi trug die große Sonnenbrille und auch die war schon lange aus der Mode.

Natürlich fiel sie auf. Natürlich blieben Leute stehen, sahen ihr nach, aber sie lächelten dabei, denn Emmi sah fantastisch aus, war wie eine Erinnerung an die Vergangenheit, war ein Bild, eine Szene aus einem der altmodischen französischen Filme, die heute wieder neu entdeckt werden.
Emmi Thulin brauchte die Dämmerung, um zu sehen, sie brauchte die blaue Stunde des Sommerabends, um zum Fluss zu gehen, immer ging sie allein, immer trug sie dasselbe und es sah jedes Mal aus wie neu.

An der Stelle, wo der Fluss eine Biegung macht, ist eine Brücke und an dem Brückengeländer steht Emmi jeden Tag. Im Sommer. Im letzten, vorletzten und viele Jahre davor, ganz genau kann man nicht sagen, wie viele Sommer Emmi Thulin hier jeden Abend steht, sich über das Geländer beugt, ganz leicht, nein, nicht wie die Selbstmörder, sondern gelassen, entspannt und schaut zu der Biegung da hinten am Fluss. Wenn die Schatten länger werden und die Luft sich von Lärm, Schmutz, Worten und Seufzern und Gelächter gereinigt hat, lässt sie das Geländer los, geht, bis sie zu einer Treppe kommt, die nach unten, zum Ufer führt. Dort ist ein schmaler Weg, der von wucherndem Grünzeug fast verdeckt ist, hier kann man bis hinter die Biegung gehen. Wenn Schwalben über ihr gleiten, geht Emmi mit ihrem wippenden Kolibri diesen Weg. Niemand hält sie auf, niemand belästigt sie, sie ist ein Bild aus einem Bild.
Das Ende des Weges erreicht sie, wenn es mehr Schatten als Licht gibt, wenn das Wasser ins Dunkelblaugraue geht, das Ende des Weges zeigt; den Fluss, wie er mäandert, und eine winzige Bucht, die einen Platz für zwei Menschen bietet.
Hier setzt sie sich und keiner würde wagen, sie zu stören. Selbst die Kinder nicht.
Hier nimmt Emmi Thulin den Hut ab, legt ihn behutsam neben sich, hier lässt sie ihr Haar frei, langes, welliges, sehr graues Haar mit dunkleren und auch hellen Strähnen, dass ihr schmales Gesicht mit der markanten Nase umrahmt, hier nimmt sie die Sonnenbrille ab und niemand kann in diese leuchtend türkisblauen Augen sehen.
Während ihr Blick das Wasser absucht, sie sich nicht bewegt, als hätte sie Angst, diese spitzigen Wellen könnten sie verschlingen. Während sie steht, wartet sie auf den Mond, egal, ob er Sichel oder ein Kindervollmond ist. Manchmal beginnt sie zu singen, leise, eine hier nicht bekannte Melodie.
Und dann setzt sie ruckartig, hastig, den Hut wieder auf, nicht ohne vorher das Haar hochzustecken, zusammenzustecken, holt aus ihrer Handtasche, dieser beutelartigen, aus bräunlichem, weichen, fleckigen Leder, fleckig wie Tränenspuren ein meergrünes Etui, in dem die Sonnenbrille verschwindet. Fast wie auf der Flucht dreht sie sich um, eilt, hastet, stolpert den Weg zurück zur Treppe, rast hinauf, um dann mit nur etwas Spannung, nur etwas Hüftschwung, aber mit hochgerecktem Kopf nach Hause in die Judengasse zu gehen.
Guten Abend, Frau Thulin! Die Bäckersfrau grüßt freundlich.
Wieder ein schöner Tag, antwortet Emmi mit einer Stimme, die man kaum verstehen kann.

***

Wenn der Nebel über dem Fluss hängt, ihn umklammert, wenn Nässe sich in den Straßen ausbreitet, wenn herbstbunte Blätter ihre Farben verlieren, ein langweiliges Braun annehmen, ist die Sommer-Emmi nicht zu sehen. Im Herbst und im Winter kann man in den Läden der winkligen Gassen Frau Thulin beim Einkaufen sehen. Mantel oder Wetterjacke, Mütze, Haarsträhnen, die herunterhängen, sich gelöst haben, gleichgültiger Blick und gebeugter Gang.

***

Wer die Geschichten der Bewohner hier kennt, weiß auch ein wenig aus Emmis Geschichte.
Vor über zwanzig Jahren, vielleicht auch schon länger, erzählen sich die Leute an langen Abenden, war Emmi mit einem Mann, der 800 Kilometer südlicher wohnte, verlobt. Ein schönes Paar und so glücklich waren sie, seufzen die Älteren.
Und dann.
Dann dieser Abend. Da unten am Fluss, nahe der Bucht. Emmis Verlobter stieg in das Wasser, schwamm los, während sie sich auszog, um hinterher zu schwimmen. Das war nichts Ungewöhnliches, in diesem Fluss konnte man immer schwimmen, besonders an den Stellen, wo er wieder einmal um die Ecke bog, hier war er flach, erst in der Mitte wurde er tiefer, erst in der Mitte griff die heftige Strömung.
Während Emmi auf ihren Freund zu schwamm, sah sie, wie er schneller wurde, wie die Wellen ihn vorwärts trieben, bis er nicht mehr und nie mehr zu sehen war.

All diese Jahre trauert Emmi Thulin um ihren Liebsten, all diese Sommer geht sie hinunter zu Fluss, all diese Abende hofft sie, dass der Mann von der Strömung flussaufwärts getragen, geschoben wird, dass er zurück kommt.
Diese eine Hoffnung ist für sie immer noch stärker als ihr Kummer, als ihr Schmerz, seiner Liebe nie im Leben mehr begegnen zu können.

Monika Detering

www.monika-detering.de







Wilhelmina Pepermint


Hier wohne ich

immer wieder
schaue ins magere Gras
und über das Nordmeer
Wilhelmina Pepermint im Mund
Fischdiebe und kleine Mantelmöwen
segeln und trippeln im Hafen

immer wieder komme ich
schließe die Tür auf
höre das Einuhrläuten
ein Oranjepji auf den Tulpen
Gerookte palings ruft der Händler
Hoch ist der Himmel

immer wieder
wendet mein Sinn die Worte
kommt der Sommer
über die Warften
Kartoffelblüten und
Spiegelwellen
Touristen aufs Schiff

Immer wieder komme ich
schließe die Tür auf
träume dass ich den See quere
dass ich über den Säntis steige
hinab in die Leipziger Tiefebene
Mutter Vater finde Zuhause
Touristen aufs Schiff
Immer wieder wohne ich hier.


  Dr. J. Monika Walther



Sonntag, 6. Januar 2013

Der Kanzlerin glänzend Silvestergewand, frisches Biedermeier und Bitterballjes






Deutscher Schnittmusterbogen. Niederländisches Silvester

            Frau Merkel trug zu ihrer Ansprache im Fernsehen ein sehr schönes glänzendes Jackett. Auch alles, was sie sagte, war fein gesponnen, sogar der etwas langweilige Schluss, da musste eben das Nötigste über den Ernst der Lage ausgesprochen werden. Aber sonst war ihre Rede voller Wärme und Verständnis. Es war Jahresende, 31.12.2012. In nichts übertrieb sie, weder im Guten noch im Schlechten, sie lobte ihre Bürger, sie bat wie eine Staatspräsidentin um Zusammenhalt; wenn wir alle bei ihr und um sie blieben, und uns an den Händen hielten, würde alles gut. Sie erklärte die Lage, tröstete und spornte an, forderte aber Einsicht in das Notwendige, da wir noch nicht die Krise überwunden hätten. Sie vermied das Wort „alternativlos“, aber das hätte auch nicht zu ihrem glänzenden Jackett gepasst, da ja zeigte, dass es zu all den vielen Jacketts, die sie trägt immer noch ein anderes, eine Alternative, möglich ist.



            Alles wird gut werden, sagte Angela Merkel auf die ihr eigene protestantische Art, aber weil eben Jahresende war, glänzte ihr schönes Jackett, lächelte sie und entwarf sie ein hübsch zugeschnittenes Jahr 2013. Deutsches Biedermeier im besten Sinn: vernünftig und einsichtig sollen wir Bürger sein, beruhigt im Privaten leben (was wir die letzten Jahre ja taten),  - und doch zusammenhalten, aber an diesem Punkt gerät wie im echten deutschen Biedermeier das schön gerädelte Schnittmuster, der Entwurf für 2013 durcheinander: Ja, Deutsche lieben Sicherheit und Sauberkeit, das geht über Vieles. Wir sind nicht britisch trunken mit eigenem Kopf und nicht wie die Franzosen revolutionär bei allem, bereit zur Revolte, um dann die Autorität zu akzeptieren, aber auch nicht so unabhängig nordisch wie die skandinavischen Länder; wir wollen es schon ordentlich erklärt bekommen wie es weiter geht. Aber zunehmend machen Deutsche sich auch in alle geistigen Himmelsrichtungen ihre eigenen Gedanken über die sichtbar werdenden Probleme. So war es auch damals im 19. Jahrhundert: Vormärz und Biedermeier, Aufstände, neue Bündnisse und die Suche nach einer sicheren schönen Seite des Lebens.
            Wir mögen unsere Angela Merkel über alle Parteigrenzen hinweg, sie ist unser Staatsoberhaupt, aber wir können nicht alle diese hübschen Jacketts tragen, die Fingerspitzen aneinanderlegen und uns miteinander beruhigen. Wir sind auch beunruhigt und bleiben das, trotz der wunderbaren deutschen Schnittmusterbogen, die Adenauer, Heuss zeichneten, Ehrhardt und – ja Willi Brandt, der nahm aufs neue Maß und Helmut Schmidt ist bis heute einer, der uns alle Zusammenhänge erklärt. Mit Zigarette und weit größerer Komplexität und Lakonie als es Frau Merkel mit den aufeinander gelegten Fingerspitzen möglich ist. Aber er kann ja auch reden wie er will.


Wir sahen und hörten die gesamtdeutsche Silvesteransprache unserer Kanzlerin in den Niederlanden. Im Humaldawei. Zuvor fuhren wir kreuz und quer um die Lauwerzee, schauten Weißwangengänse, Kraniche (Flamingos entdeckten wir keine, aber ein ganzes Feld mit Schwänen, Hunderte). Wir standen am Nordmeer vor den Deichen, in den Häfen. Wir aßen Fritten, kauften Aale und Schaars in Zoutkamp.
            Vor der Aalräucherei lag der Kutter und die Beiboote des Fischers, immer wieder schaute er von drinnen nach draußen, aufs Wasser, zu seinen Booten; immer wieder kamen Leute kauften Flundern, Tongs, Aale (schmale kleine und fein geräucherte Aale), geräucherte rode Pons, zwei Männer tranken Biere aus Flaschen, redeten mit den Frauen, Mädchen, die im Laden arbeiteten.
            Schaars sehen aus wie sehr kleine Schollen und sind etwas weniger bunt. Dezent graufarben. Die obere Seite viel rauer. Kliesche ist der deutsche Name. Der Fischer und seine Tochter lächelten, als wir die Schaars kauften. Beifang. Fremde wollen so etwas nicht, aber wir saßen ja auch da und aßen Fritten, schauten über den Hafen, den ich noch nie so voller Fischfänger, Kutter, Seenotboote, Schnellboote der Wasserschutzpolizei gesehen hatten; nur wenige Segler. Silvester und der tobende Sturm, der heftige Regen.
            Kurz vor acht Uhr verschluckten wir uns noch an  weißgepuderten Olliebollies, aßen Heringshappen, Gurken und Bitterballjes, die zum Jahresabschied von der Wirtin ausgegeben wurden. Große Platten, dazu kleine Bierchen. Punkt zwanzig Uhr schlossen überall (außer in den großen Städten) die Kneipen und Restaurants. Offiziell. Alle gingen nach Hause, aber manche der kleinen Kneipen in den Dörfern ließen ihre Gäste durch die Hintertür wieder hinein. 

            Im Humaldawei wurde seit 24 Stunden geböllert, schwere Kanonenschläge, der Sturm komponierte daraus ein schweres Donnern, so muss 1945 die näher kommende Front an der Oder geklungen haben, der Kampf um die Seelower Höhen vor Berlin. Das dachte ich und auch, warum denke ich immer wieder so etwas. Das hört nie auf, da läuft immer ein zweiter Film in Herz und Kopf.
           



Dann wurden die Schaars gebraten, draußen auf dem Grill, im Regen. Nachbarn rundum winkten und lachten. Im deutschen Fernsehen Silvesterstadl. Oh nein, im niederländischen TV wie immer nichts Glattes: 

eine runde Moderatorin, ein alter Sänger, ein knitteriger Witzemacher, strubbelige Jungs, kunterbunt sowieso. Und wir hörten einen Holzschuhtanz, Janis Joplin, Leonard Cohen, die Bartoli, die Callas. Ein neues Jahr. 2013. Die Raketen über dem Dorf verwehten im Sturm. Überall wurden große Feuer angezündet. 2013.

© J. Monika Walther

Freitag, 21. Dezember 2012

SCHNEE TREIBT AM HUMALDAWEI



Wenn Bäume warten
auf Wartende
die Sonne
kälter wird
Schnee treibt am Humaldawei


Wenn
Spiegelnarretei
dich fragen lässt
ist's Wasser
fängt weiße Stille
dich
und
dich
vielleicht ist auch Weihnachten

Dienstag, 6. November 2012

Koolgänse, Aale und das Glück

Koolgänse und Aale


Im Hamburger Hafen sah ich als Kind den ersten lebenden Aal. Tote Krabben, rosafarben und einen sich windenden Aal. Der Fischer nahm den Aal, drehte sich um, ein Ruck und dann bekam ich Krabben und Aal in Zeitungspapier gewickelt, ausgehändigt. Mein Onkel lächelte ernst, sagte: „Wir haben ein Glück.“ – Ja, das hatte er, der nach dem Krieg, aufgetaucht aus einem Lager, eine Buchhalterstelle bei der Reederei Stinnes gefunden hatte, später Chefprokurist wurde, mit Chauffeur und einem großen Büro, von dem aus ich auf die Elbe schauen konnte und über den dicken Teppich ging ich als Kind hin und her, staunend. Und die Tante hatte auch Glück, die im Bunker beim NWDR putzte, auf dem Heiliggeistfeld. Und ich hatte auch Glück, dass ich überhaupt geboren wurde, und dass es überall in der Welt Verwandte gab, nur kaum noch welche in Leipzig und Ostberlin. Aber in Boulogne-sur-Mer. Ein geflüchteter Onkel, er schneidet Haare, in einer kleinen Stube am Hafen. Und er bekommt jeden Tag Muscheln oder ein paar Fische. Er kommt auch nach dem Krieg über die Runden. Und ich lerne bei ihm Muscheln essen, Fische ausnehmen. Ohne großes Getue.






 Glück hatte auch eine aus Nazideutschland geflüchtete Cousine, die  in Verstecken überlebte, einen Niederländer heiratete, nie wieder Deutsch sprach. Jaap, der Fröhliche und Freundliche, der mit mir, dem Kind, durch Haarlem und Amsterdam ging und deutsch radebrechte.  Ende der Fünfziger Jahre. Und mir zeigte, was gefillter Fisch ist und wie die chinesische und indonesische Küche schmeckt.
Glück hatte auch ich,  dass es in all der Fremde und Traurigkeit immer wieder einen Onkel, eine Tante gab, einen entfernten Verwandten, die sich kümmerten und mir Leben zeigten, dem kleinen Mädchen erzählten, wie das Leben der Familie war -  vor 1933 und vor 1939, vor den Fluchten, in Leipzig, Hamburg und anderswo. Glück fühlte ich, als ich mit dreiundzwanzig das erste Mal an der Lauwerzee stand, dem damals viel größeren See und dem damals viel kleineren Hafen, in dem Fischer mit kleinen Kähnen anlegten, ihren Fang vom Boot aus verkauften oder in kleinen Läden ablieferten, danach gingen sie in kleinen Dörfern und Bauernschaften in die vielen kleinen Kneipen und tranken, so viel der Zapfhahn hergab. Ich fühlte Glück unter diesem schiefergrauen Himmel zu stehen, am Strand angeschwemmtes Holz zu sammeln für den Ofen, ein winziges halbes Häuschen zu haben, neben dem Bauernpaar Piet und Ans, einen frischen Aal geschenkt zu bekommen und Schollen. Ich fühlte Glück unter dem zugigen Dach zu schlafen (das war nicht verkleidet, da pfiff der Wind durch) und den ersten wackeligen Schreibtisch zu bauen, da zu sitzen und zu schreiben.






Damals wusste ich wenig über die Geschichte und das Nordmeer. Wie anderswo auch hatte es zwischen 1500 und 1700 immer wieder große Überflutungen des Lauwerszeegebiet gegeben: 1509, 1542, 1650 und 1665. Die Weihnachtsflut des Jahres 1717 war für den Norden der Niederlande katastrophal. Viele Schleusen waren nach der Flut völlig zerstört. Danach wurden über die Jahrhunderte immer mehr Küstengebiete eingedeicht und so wurde die Lauwerzee kleiner und kleiner. Im Herbst 2003 stand der Beschluss, den Nationalpark Lauwerzee einzurichten. Der Versuch ein Gleichgewicht zwischen Meer, Natur, dem Hafenbetrieb und dem Tourismus und Militär herzustellen. Erst verschwanden viele Pflanzen, Fischarten und die Schalentiere als das Land nicht mehr Flut und Ebbe erlebte, 





dann wuchsen neue Blumen wie Orchideen, das Sumpf-Herzblatt. Das Gebiet wurde Heimat für Graugänse, Krickenten, Pfeifenten und Weißwangengänse; Zugvögel und Wintergäste kommen an der Lauwerzee zur Ruhe. Hunderte von Löffelenten und Brandgäsen suchen Nahrung im Winter. Reiher schweben über die Felder, Strandläufer aller Art, Weihen, Kiebitze, hunderte Arten von Wattvögeln sind zu beobachten. Ja, und Flamingos sind im Sommer zu sehen. Sommergäste. Ich habe sie gesehen und – wie Kormorane Aale fangen. Koolgänse heißen sie auf Niederländisch.  Ein kleines Paradies ist aus dem Gebiet Lauwerzee geworden. Und ich fühle immer wieder Glück, wenn ich über das graue Wasser schaue, Sternmöwen und andere nach Nahrung suchen, flattern und schweben, hüpfen und ins Wasser stoßen. Manchmal denke ich zurück an Hamburg und wenn Regine und ich auf den Michel rannten und da oben standen und strahlten.

© Jay Monika Walther

 

Freitag, 21. September 2012

Café Fryslân und dreitausendvierhundert vor Christus

bis zum Horizont und hinter ihm geht er weiter bis zun nächsten




Das Café Fryslân steht in Oostrum. Eastrum (auf friesisch) gehört genauso wie Ee zur Gemeinde Dongeradeel. 200 Menschen leben dort. Alles, was ich seit dreißig Jahren wusste, war - dass Oostrum auf dem Weg nach Dokkum liegt, dass das halbe Dorf, die Wiesen und der kleine Anger im Ort im Winter unter Wasser stehen, dass auf der einen Seite vor dem Dorf eine alte Ziegelei zerfällt und auf der anderen Seite ein Bowlingcenter immer größer wird, dass ich früher, vor dreißig Jahren, den Schafscherern zuschaute, den Arbeitern in der Zieglei, sah wie das Bowlingcenter entstand, wie die ersten Touristen mit Boot oder Auto von der Zuider See herkamen und im damals kleinen Hafen an der Laauwerzee die Fischkutter bestaunten, deren Fischer einen Plastiksack oder einen Korb voll Schollen packten und für diese zwanzig Schollen, Flundern oder Knurrhähne sechs Gulden nahmen oder auch weniger.




Oostrum, das war auch immer die Kneipe, das Fryslân Café. Und früher saßen da Fischer und Landarbeiter, Bauern, selten Touristen und wenn dann die aus dem Ruhrgebiet, die sich eines der kaputten kleinen Huisjes gekauft hatten für wenig Gulden und sommerlang reparierten, bis sie endlich wussten, dass diese Landschaft nicht die Ihre war. Getrunken wurden Boerenjongen, also Rosinen und Zucker aufgegossen mit Genever. Und immer jonge oder oude Genever. Bier. Es wurde viel getrunken, sehr viel mehr als heute. Die wechselnden Wirtspaare stellten Käsewürfel und Matjeshappen mit Gurke hin, es gab Bitterballen zu bestellen und Tostis. Die Hoffnungen der Wirtspaare auf Verdienst erfüllten sich selten. Erst als eine fröhliche ältere Frau mit einer kratzigen Stimme und einem herrlichen Lachen das Kneipenhaus kaufte, renovierte, einen großen neuen Tresen und Ofen hineinsetzen ließ, Dart und Spielautomaten hinstellte, war der Wirtswanderung ein Ende.

einwerfen, klickern, rattern, drehen, ein Bier und - gewinnen 

Gerne war ich dort, auch wenn nach und nach sich das Meiste änderte. Heute bewirtschaftet ein freundliches junges Paar das Café Fryslân, der Mann in Arbeit, die Frau in der Kneipe. Dartclub und Kartenspieler kommen. Und ich gewann in diesen Ferien vierzig Euro am Spielautomaten (niederländische Spielautomaten müssen mehr Gewinne auswerfen als in der BRD und sie sind moralische Anstalten, die alle zehn Minuten das Spiel stoppen und  anzeigen, wie lange man spielt, wie viel Geld eingeworfen, verloren wurde).

 



Inzwischen weiß ich nun mehr über Oostrum: dass es als Warft einige Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung zwischen den damaligen Meeresarmen entstand. Die zum Teil um 1900 abgetragene Terpeoder Warft ragte viereinhalb Meter hoch über dem Meeresspiegel. Der Wohnhügel hat eine Kreisform mit Ringstraße. Auf dem südöstlichen Teil der alten Terpe stand Rinthjemastate, ein alter Herrensitz. Ich weiß nun auch, dass die alte Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert stammt und ursprünglich nach dem Heiligen Nikolaus benannt wurde. Die Ziegelei am Grootdiep errichtete 1873 ein Jan Helder, der Schornstein misst 35 Meter. Und im 19. Jahrhundert wanderten mehr als zehn Oostrumer, junge Männer und Dienstmägde, nach Übersee aus. Und ich weiß, weil ich die Grabungen mitbekommen hatte, dass 2006 Überreste der Trichterbecherkultur gefunden wurden; die archäologischen Untersuchen ergaben, dass die Reste dieser Siedlung aus der Zeit von dreitausendvierhundert vor Christus stammen müssen. So früh war also dieses Oostrum bewohnt, damals nah am Meer, zwischen Wasserarmen. An den Grachten zwischen Nordmeer und Zuiderzee. Ich dachte, es ist schön von der Geschichte und den Geschichten im Kleinen zu erfahren, zu hören. Jenseits der vielen Kriege. Aber die Kriege waren eben auch in den Dörfern, Religionskriege, Landkriege, spanische Soldaten und nahe bei Ee blieb ein napoleonischer Soldat in Tibma und baute einen Hof auf und schon bin ich wieder in den Jahrhunderten verschwunden, denn die Bauerschaft Die Tibben ist aus dem achten Jahrhundert. Und was ich nun auch weiß, ist, dass Humaldawei 1885 gebaut wurde und zu den nationalen Denkmälern von Ee gehört. So viel Geschichte im Kleinen und Großen überall.

© J. Monika Walther